Kleinlein rechnet nach

Wenn in Bayern unseriös gegen den Staatsfond gerechnet wird

In „Kleinlein rechnet nach“ stellt Dipl.- Math. Axel Kleinlein aus seiner Sicht spannende Ergebnisse aus seiner täglichen Gutachtertätigkeit vor. Die Fälle sind anonymisiert und die dargestellten Ergebnisse beleuchten jeweils immer nur einen spezifischen Sachverhalt.

Seitdem klar ist, dass es in der Altersvorsorge zukünftig auch ein staatliches Angebot geben soll, werden manche Marktteilnehmer geradezu hysterisch. Wilde Thesen werden in den Raum gestellt, die begründen sollen, warum der Staat ein schlechter Kapitalanleger sei und zum Beispiel die Versicherungswirtschaft viel erfolgreicher wäre.

So begann jüngst auch ein Generalbevollmächtigter beim Münchener Verein Lebensversicherung in seinem Post auf LinkedIn[1] mit der wohl suggestiv gemeinten Frage „Sollte der Staat unser Geld für die Rente anlegen?“ und möchte dann aufzeigen, dass man mit einer Lebensversicherungspolice deutlich besser fahren würde.

„Hier würde in der Rückrechnung für den Zeitraum 2007-2023 die modernste Police der Münchener Verein Versicherungsgruppe eine Rendite von 6,7 % p. a. erzielen…“ behauptet er. In einer kleinen Tabelle konkretisiert er dann noch, dass es sich dabei um eine „Hypothetische Rückrechnung T82 auf Basis 100% DBX1MW“ handeln würde.

Will man das nachvollziehen, gerät man ins Staunen: 2007 gab es keine derartigen Produkte beim Münchener Verein, niemals (auch heute nicht) konnte bei diesem bayerischen Versicherer in diesen Fonds „DBX1MW“ investiert werden und der Tarif „T82“ ist scheinbar nur Bückware. Unterm Strich eine unrealistische und schon unseriöse „Rückrechnung“. Rechnet man stattdessen konkret und seriös nach, so ist eine Rendite von 2,4 % realistisch – sowohl für ein tatsächlich in 2007 abgeschlossenes Produkt als auch für ein heutiges Angebot (ausführliche Hintergründe zu meinen Berechnungen finden sich unten).

Auf derartigen „Rückrechnungen“ der Versicherer ein pauschales Negativurteil für das erwartbare staatliche Angebot vorzunehmen, ist meines Erachtens einfach nur unseriös. Wer mit derartigen Zahlen das staatliche Angebot willentlich beschädigt, der betreibt eine Verunsicherung, die schon an Fahrlässigkeit grenzt.

Ich verstehe, dass die Lebensversicherer Angst haben vor echter Konkurrenz. Die haben sie zu Recht. Aber das sollte nicht dazu führen, dass unseriös argumentiert wird.

Kleinlein rechnet nach – Factsheet zu „Wenn in Bayern unseriös gegen den Staat gerechnet wird“

  1. Der Fall:

Es geht um eine Versicherung gegen Einmalbeitrag, die über 16 Jahre laufen soll.

  • Die Fragestellung:

Performt das Angebot des Münchener Vereins besser als die Anlagen der Bundesbank, des Kenfo und anderer staatlicher Anleger die mindestens 2,7 % erzielen?

Und insbesondere: Ist die Behauptung korrekt, der Münchener Verein bietet einen Vertrag an, der bis zum Ende der Ansparzeit mit 6,7 % performt?

Das Ergebnis

  • Nein, die Performance der staatlichen Akteure ist besser als ein realistisches Angebot des Versicherers.
  • Den Vertrag, der 2007 abgeschlossen wurde und mit 6,7 % performt haben soll und als Beleg für die These gilt, gab es nicht und konnte auch nie abgeschlossen werden.
  • Auch ein nach heutigem Tarif abgeschlossener Vertrag lässt selbst unter allerbesten und stark idealisierten Annahmen keine 6,7 % erwarten.
  • Seriöse Berechnungen führen für das Lebensversicherungsangebot nur zu Renditen von ca. 2,4 % – sowohl bei Abschluss im Jahr 2007 wie auch bei heutigem Abschluss.

Hintergründe

Der Mitarbeiter des Münchener Vereins (MV-Mitarbeiter) zieht einen Vertrag als Beispiel heran, um aufzuzeigen, dass der „Staat“ als Anleger deutlich schlechter abschneidet als der Münchener Verein.

Dieser Beispielvertrag soll sich dabei auf einen Tarif „T82“ beziehen. Dieser beruhe dabei „auf Basis 100% DBX1MW“. Es soll sich dabei auch um die „modernste Police“ des Münchener Vereins handeln.

Unklar ist zunächst, ob es sich um eine Kapitallebensversicherung oder um einen Rentenvertrag handeln soll. Auch ist unklar, ob ein Risikoschutz einbezogen ist oder von welcher Kostenbelastung auszugehen ist. Auch ist unklar, ob sich eine Verrentung an den Ansparvorgang anschließen soll und ob diese Verrentung womöglich verpflichtend sein soll (wie etwa bei einer Basis-Rente).

Zur Konkretisierung des Tarifs:

Zu einem „Tarif T82“ finden sich auf der Page des Versicherer keine Informationen. Weder ist eine Überschussbeteiligung für diesen Tarif im letzten Geschäftsbericht ausgewiesen, noch finden sich auf irgendwelche Angaben zu „T82“. Stattdessen werden als Basisrentenverträge[2] die Tarife T86, T85 und in einem anderen Prospekt der „Tarif 87 Y“[3] beworben. Es ist überraschend, dass gerade die nach Ansicht des MV-Mitarbeiters „modernste Police T82“ auf der Page des Versicherers anscheinend keine Erwähnung findet[4].

Bei den öffentlich auffindbaren Unterlagen für Basisrentenverträge für eine kürzere Laufzeit, werden Effektivkosten von2,93 % bis 3,99 % ausgewiesen (bei Laufzeit von 12 Jahren). Die Abschluss- und Vertriebskosten belaufen sich stets auf 2,5 % des Einmalbeitrags.

Eine Nachfrage beim MV-Mitarbeiter führte dazu, dass zu einem „Tarif 82“ zwar Unterlagen zur Verfügung gestellt wurden, hier dann jedoch konkret der Tarif „82 Y“ gemeint war und diese Informationen sich nicht auf die betrachtete Fallkonstellation bezieht (stattdessen laufende Beitragszahlung und Ansparfrist von 40 Jahren). Hier werden eher günstige Kostensätze unterstellt (Abschlusskostensatz 2,5 %, Kosten auf Beitrag 7,0 %, Kosten auf Kapital mindestens 0,4 % p.a.).

Zusammenfassend: Es ist davon auszugehen, dass Kunden heute vermutlich eine fondsgebundene Rentenversicherung nach Tarif86, T85 oder „Tarif 87 Y“ angeboten würde. Dabei ist bei ersteren dann von einer Effektivkostenbelastung von zwischen 2,93 % und 3,99 % auszugehen. Im Ausnahmefall (im Idealfall) könnte es jedoch tatsächlich sein, dass der Tarif „T82“ in Anlehnung an den „Tarif 82 Y“ angeboten würde (dann mit günstigeren Kosten).

Auch für das Jahr 2007 finden sich zu einem Tarif „T82“ keinerlei Informationen. Stattdessen galten damals die Tarife „Rententarife 67 und 79“ nach Aussage des Münchener Verein als die Spitzenprodukte. Dabei handelte es sich um klassische und ungezillmerte Angebote[5]. Insbesondere verwies dabei das Versicherungsunternehmen in 2007 ausdrücklich darauf, dass klassische Rentenversicherungen besonders attraktiv wären.

Zusammenfassend: Es kann davon ausgegangen werden, dass einem Kunden in 2007 ausdrücklich eine klassische Rentenversicherung empfohlen wurde.

Es gilt also für eine Renditeabschätzung drei unterschiedliche Fallkonstellationen zu betrachten:

  • „Abschluss in 2007“ in einem ungezillmerten klassischen Rententarif.
  • „Abschluss in 2026 – realistischer Vertrag“ in einem fondsgebundenen Rententarif mit Effektivkosten von mindestens 2,94 %.
  • „Abschluss in 2026 – idealisierter Vertrag“ in einem fondsgebundenen Rententarif mit geringeren Kosten.

Zur Konkretisierung des abgesicherten Risikos:

Da sowohl im Jahr 2007 als auch heute ausdrücklich Rententarife als besonders geeignet vom Versicherungsunternehmen beworben werden, ist davon auszugehen, dass der MV-Mitarbeiter auch auf einen Rentenvertrag Bezug nimmt.

Da ausdrücklich auf eine Rendite zum Abschluss der Ansparphase Bezug genommen wird, ist zu vermuten, dass es sich nicht um eine Basis-Rente handelt, sondern um eine Schicht-3 Rente, da bei ersterer kein Kapital abgerufen werden kann.

Daher ist zu vermuten, dass auch eine übliche Todesfallabsicherung inkludiert sein soll. Diese ist üblicherweise eine Beitragsrückgewähr, so dass im Todesfall gerade der eingesetzte Einmalbeitrag als Todesfallleistung zur Auszahlung kommen sollte.

Leider versäumte es der Autor darauf hinzuweisen, mit welchem Alter und mit welchem Geschlecht der Beispielvertrag in 2007 abgeschlossen worden sein soll. Vereinfachend wird im Folgenden angenommen, dass der Vertrag von einem Mann im Alter 30 abgeschlossen wurde.

In der Variante mit Abschluss in 2007 in einem Rententarif ist damit von der Kalkulationssterbetafel DAV04R-M und einem Rechnungszins von 2,25 % auszugehen. Als Todesfallleistung ist Beitragsrückgewähr vereinbart.

In der Variante mit Abschluss in 2026 handelt es sich zwar um einen Rententarif, jedoch ist in der Ansparzeit das Todesfallrisiko dominierend. Es ist damit von der Kalkulationssterbetafel DAV08T-M ohne Rechnungszins auszugehen. Die Kapitalanlage erfolgt dann auf Rechnung und Risiko des Versicherungsnehmers.

Zum Fondsinvestment in den DBX1MW:

Der Fonds DBS1MW existierte bereits in 2007 und hat im Zeitraum vom 01.07.2007 bis 30.06.2023 tatsächlich mit 7,58 % außerordentlich gut performt[6]. Er stellt damit eine Ausnahme dar. Im Jahr 2007 konnte jedoch noch nicht erkannt werden, dass gerade der DBS1MW außerordentlich gut laufen würde. Ex-Post diese Anlage als erwartbares Szenario darzustellen, ist daher nicht seriös.

Ausweislich diverser Geschäftsberichte wurde dieser Fonds beim Münchener Verein nie auf Rechnung und Risiko des Versicherungsnehmers bespart[7]. Auch nach heutiger Fondsauswahl des Münchener Verein steht dieser Fonds nicht zur Verfügung[8]. Daher ist die Bezugnahme auf diesen Fonds als Anlage innerhalb eines fondsgebundenen Vertrags zusätzlich unseriös.

Zusammenfassend: Die Bezugnahme auf ein Investment in den DBS1MW im Umfeld von Produkten des Münchener Vereins erscheint irreführend und ist unseriös, da es weder in der Vergangenheit noch heute möglich war und die herausragende Perfomance des Fonds nur Ex-Post feststellbar war.

Für die Berechnung in der Variante mit Abschluss in 2026 ist jedoch auf eine Fondsanlage abzustellen und dieser eine Wertentwicklung zu unterstellen. Es ist zu vermuten, dass der Autor darstellen wollte, welche Effekte sich ergäben, würde der Kunde in einen Fonds investieren, der wie der DBX1MW performen würde. Daher wird auf genau solch einen Fonds im Folgenden in der Variante „Idealfall“ abgestellt.

Festlegung der Berechnungsparameter

In allen Fällen wird von einem 30-jährigen Versicherungsnehmer ausgegangen.

Für die Variante „Abschluss in 2007“ werden folgende Kalkulationsannahmen angesetzt: i=2,25 %, DAV04R-M, Zillmersatz 4,0 %, laufende Überschussbeteiligung wie deklariert, Schlussüberschuss so wie ein maximaler in 2023 deklarierter Schlussüberschuss für vergleichbare Tarife.

Für die Variante „Abschluss in 2023 – unrealistischer Idealvertrag“ werden folgende Kalkulationsannahmen angesetzt: kein Rechnungszins in der Ansparfrist, DAV08T-M, Abschlusskostensatz 2,5 %, Kosten auf Beitrag 7,0 %, Kosten auf Kapital 0,4 % p.a., Wertentwicklung des Fonds 7,58 %.

Für die Variante „Abschluss in 2023 – realistischerer Vertrag“ werden entsprechend eines vorliegenden Produktinformationsblatts[9] folgende Kalkulationsannahmen angesetzt: kein Rechnungszins in der Ansparfrist, DAV08T-M, Abschlusskostensatz 2,5 %, Kosten auf Beitrag 5,0 %, Kosten auf Kapital 3 % p.a., Wertentwicklung des Fonds 6 %.

Berechnungsergebnisse

Bei Abschluss in 2007 hätte sich – unter den wie oben entwickelten Parametern – bei einem Einmalbeitrag von 100.000 € eine Ablaufleistung (inklusive Überschussbeteiligung) von ca. 125.500 € aus garantierter Leistung ergeben. Hinzu kommen ca. 16.000 € aus laufender Überschussbeteiligung und ein Schlussüberschuss von ca. 4.500 €. Dies führt zu einer Gesamtleistung von ca. 146.000 €.

Dies entspricht einer Sparrendite von 2,41 %.

Bei Abschluss in 2023 nach „unrealistischem Idealvertrag“ hätte sich bei einem Einmalbeitrag von 100.000 € eine Ablaufleistung von ca. 273.000 € ergeben.

Dies entspräche einer Sparrendite von 6,48 %.

Bei Abschluss in 2023 nach realistischerem Vertrag hätte sichbei einem Einmalbeitrag von 100.000 € eine Ablaufleistung von etwas unter 146.000 € ergeben.

Dies entspricht einer Sparrendite von 2,39 %.

Zusammenfassend: Verzichtet man auf den Einbezug des unrealistischen und unseriösen „Idealvertrags“, performen der klassische Vertrag aus 2007 und der realistische fondsgebundene Vertrag aus 2026 auf vergleichbarem Niveau von ca. 2,4 %.

23.07.2026, V.i.S.d.P. Axel Kleinlein – Berlin

Der Originalpost:


[1] https://www.linkedin.com/posts/useubert_sollte-der-staat-unser-geld-f%C3%BCr-die-rente-share-7485282335521906689-jUaB/?utm_source=share&utm_medium=member_desktop&rcm=ACoAADKfiXUBah_pdCkORB9iiN7Fcv8ZxFzZinE

[2] https://www.muenchener-verein.de/unternehmen/der-muenchener-verein/rechtliche-informationen/

[3] https://www.muenchener-verein.de/privatkunden/vorsorge-vermoegen/geldanlage-absicherung/fondsgebundene-rentenversicherung/

[4] Im für den Vertrieb erstellten „Maklernetzwerk“ finden sich weitere Unterlagen, der Tarif „T82“ wird hier aber auch nicht ausdrücklich erwähnt.

[5] https://www.presseportal.de/pm/60945/931379

[6] https://www.dasinvestment.com/fonds/sparplan-rechner/fuer/LU0274208692?endDate=30.06.2023&fees=0&initialInvestment=1000&startDate=01.07.2007

[7] Siehe zum Beispiel Geschäftsbericht 2025 Seite 105.

[8] https://www.muenchener-verein.de/downloadcenter/LV/Verkaufsunterlagen/7701368.pdf

[9] https://www.muenchener-verein.de/downloadcenter/LV/Sonstige_Unterlagen/2018512.pdf in der Berechnungen wurden leicht niedrigere Kosten angenommen als sie nach Produktinformationsblatt möglich wären.